Forschungstauchgänge in der Fontaine de Vaucluse, Frankreich, 2001-2003

PATD: Dr. Bernd Aspacher, Ralf Haslinger, Ekke Müller

Fontaine de Vaucluse heisst die Quelle des Flusses Sorgue, ebenso der dort liegende Ort. In der Ortschaft blüht der Tourismus, sie liegt unter einer Burg, nachweislich mit sehr sehr alten Grundmauern und Spuren der römisch-keltischen Kultur. Und die Quelle ist tief, sehr sehr tief.

Im Jahre 1878 ging der erste Taucher, Ottonelli aus Marseille, die Erforschung des Schlundes an. Er ließ ein stählernes Boot zur Quelle transportieren, brachte seinen Kupferhelm mit und lies andere, damals übliche, Tauchausrüstung darin verstauen und begab sich auf dem kleinen Quellsee an eine Stelle, die für einen freien Abstieg geeignet war. Ottonelli glaubte, bei 23m Tiefe den Grund der Quelle erreichte zu haben. Immerhin führte er damit den ersten Höhlentauchgang mit Tauchgerät durch.

1946 fand in der Fontaine de Vaucluse der erste Höhlentauchgang unter Benutzung eines Lungenautomaten statt.


1955 tauchte Cousteau bis in eine Tiefe von 74m, ohne den Höhlengrund zu finden.

1983 tauchte Jochen Hasenmayer mit 400kg Ausrüstung während eines neunstündigen Tauchganges in 12°C "warmem" Wasser in eine Tiefe von 205m. Er kehrte um in einem senkrechten Schacht, in welchem man nicht von einer Wand zur anderen sehen konnte – und schon gar nicht zum Grund, der nach wie vor unerreicht blieb.


Den Grund in 308m Tiefe erreichte man zwei Jahre darauf mit einem ROV (remote operating vehicle, Kamera-Roboter)

Im Jahr 2004 sollte die Zeitschrift Geo von diesen Forschungstauchgängen von 2001 bis 2003 berichten

Geologisch gesehen ist die Fontaine de Vaucluse ein zum Teil ungeklärtes Phänomen,
 ein Prachtexemplar, was die Entstehung einer Höhle entsprechend der Schulmeinung angeht. Dies geht sogar so weit, dass man gewisse Quellen als "Vaucluse-Typ" bezeichnet. Das Gebirge östlich von Avignon besteht aus einer mindestens 700m dicken Kalksteinplatte. Als sich das Rhonetal eingefressen hatte, ist ein Teil diese Platte abgebrochen und nach unten weggerutscht. Die Bruchkante, welche geologisch eine Verwerfung genannt wird, bildete den Keim für die Höhlenentstehung.
Man sieht den Riss im Gestein heute noch aus dem Quelltopf herauskommend in der 300m hohen darüber liegenden Felswand verlaufen. Die wassergefüllte Höhle verläuft exakt in Richtung dieser Verwerfung schräg in die Tiefe; ein Tunnel der deutlich breiter als hoch ist, so wie es immer der Fall ist, wenn sich eine Höhle entlang einer Gesteinsfläche bildet. Geologisch interessant ist hierbei auch, dass sich die Gänge der Quelle weit unter dem Vorfluterniveau (Sorgue, Rhone) gebildet haben, letztendlich sogar unter dem Meeresspiegel des Mittelmeers. Im Großteil des Jahres liegt der Wasserspiegel bis zu 23m unterhalb der großen Quellöffnung. Wasser, welches in die Höhle eindringt, fließt durch tiefer gelegene Sekundärquellen ab. Im Frühjahr jedoch, vermutlich durch die Schneeschmelze angetrieben, steigt der Wasserspiegel sehr rasch an und ein gewaltiger Sturzbach ergießt sich aus der Hauptquelle. Mit bis zu 130 m
3 pro Sekunde entsteht die stärkste Karstquelle Europas. Das Wassereinzugsgebiet reicht hierbei bis zu 50km ins Hinterland und hat eine Fläche von rund 1500km2, wie Färbeversuche nachweisen konnten. Nach vier bis sechs Wochen beruhigt sich die Quelle wieder und der Wasserspiegel sinkt langsam um 20m ab.

Im Sommer 2001 betauchten Roland Pastor, Lionel Charon, Thomas Soulard, Eric Trilles, Christian Sabatier, Dr. Bernd Aspacher, Ralf Haslinger und Ekkehard Müller, allesamt Mitglieder der "Société Spéléologique de Fontaine de Vaucluse" (S.S.F.V.) die Höhle.
Das Ziel ist die gründliche Erforschung der Quelle, von der bisher mehr Mythen als tatsachen bekannt sind. Für die S.S:F.V. war die Stickstoffnarkose bisher der limitierende Faktor und genau hier konnten die drei PATD-Instruktoren eine Zusammenarbeit anbieten. Was früher mit Luft getaucht wurde, wird jetzt standesgemäß mit Nitrox und
Trimix erledigt – und aus der Aktion ist eine Freundschaft entstanden.

In jenem Sommer lag das Hauptaugenmerk zunächst im Vermitteln der Mischgastheorie
und im Kennenlernen der Höhle und die Schwierigkeit lag wie so oft nicht im Tauchgang selbst, sondern im Transport der Ausrüstung. Das gesamte Material, rund 130kg pro Taucher,wurde im roten Transporter, liebevoll "Le Truc rouge" genannt, bis an die Treppen gefahren,die zur Quelle hochführen.
Von dort wurde die Ausrüstung rund 200m weit hoch zur Hauptquelle und dann wieder
die 20m Höhenunterschied runter zum Quellsee transportiert, entlang eines steilen, rutschigen Pfades.
Wer nun meint, dass Höhlentauchen nicht ganz ungefährlich ist, der mag wohl recht haben – aber der Transport der Ausrüstung in diesem Gelände ist sicherlich das gefährlichste daran
und an die mühseligen Aufstiege nach den Tauchgängen wollen wir erst gar nicht erinnert werden.

Nach dem Anlegen der Ausrüstung und einem beherzten Sprung ins kalte Wasser
öffnete sich für mich ein erster Blick ins klare Wasser der Vaucluse.
Roland, der die Höhle am besten kennt, taucht als erster ab, Ekke, Ralf und ich folgen.
Auf der ersten Etage in 8m Tiefe, der Oberkante des Schotterpfropfens legen wir die Sauerstoff-Dekotanks ab.
Der Weg führt weiter durch ein 2m mal 3m großes Fenster, die "Engstelle".
Taucherisch gesehen ist dies natürlich alles andere als eng,
aber ich möchte nicht wissen was hier los ist, wenn 100 m
3 pro Sekunde durch diese Öffnung donnern.
Wir folgen dem dicken Speleo-Seil schräg in die Tiefe.
In 20m Tiefe liegt zur Linken immer noch das alte, gesunkene Stahlboot von Ottonelli, völlig mit Felsbrocken gefüllt und leicht deformiert.
Kurz nach dem Boot endet der Schotterpfropf und es öffnet sich die erste Halle.
Trotz klarer Sicht und HID-Lampen und 200 Watt Beleuchtung ist es nicht möglich, die Wand auf der anderen Seite zu sehen.
Wir tauchen weiter ab, bis auf 40m Tiefe.
Roland zeigt uns ein rundes Loch in der Felswand und ich verstehe zunächst nicht, was daran besonderes sein soll.
Erst beim Näherkommen spüre ich den Sog, der Wasser in dieses Loch saugt.
Es ist einer der Gänge, über welche das Wasser zu den Sekundärquellen fließt.
Die Strömungsgeschwindigkeiten innerhalb des Tunnels sind gewaltig, man kann dies dadurch erahnen, indem man etwas Schlamm vor der Schwinde aufwirbelt und zusieht, wie schnell der Silt im Loch verschwindet.
Während Ralf dieses Spiel begeistert weiterverfolgt, sinken Ekke und ich nochmals 8m tiefer. Hier endet die große Halle und ein Portal führt in den weiter in die Tiefe verlaufenden Schacht. Für heute ist hier Schluß.

Die Fontaine de Vaucluse war schon immer Anziehungspunkt für Touristen und Prominenz. Selbst ein bayrischer König soll schon hier gewesen sein. Im Mittelalter, insbesondere zur Zeit als die Konterpäpste in Avignon saßen, war die Fontaine eine Attraktion. Alte Chroniken berichten, dass ein Steinmetz von einem Papstgesandten den Auftrag erhalten hatte, Wassermarkierungen anzubringen. Diese sind heute nicht mehr zu sehen, zumindest nicht an der Wasseroberfläche.
Roland hat jedoch in 15m Tiefe auf einem herabgestürzten Felsen Wandgravuren
und eine Jahreszahl gefunden, die darauf hindeuten, dass die Chroniken durchaus korrekt sein können.

Ein zweiter Tauchgang bringt die Gruppe bis auf eine Tiefe von 60m.
Als Atemgas wird ein normoxisches Trimix verwendet, dazu Nitrox50 und Sauerstoff für die Deko. Diesmal taucht Ekke als erster ab, bewaffnet mit seiner 3-Chip-Videokamera und zwei Lampen, die an die Photonentorpedos von Raumschiff Enterprise erinnern.
Er positioniert sich in 40m und 65m Tiefe und hält filmerisch fest, wie der Rest der Truppe in die Halle bzw. später in den Schacht eintauchen.
Auch auf dem Film wird klar, wie gewaltig die Dimensionen dieser Höhle sind:
Die Wände sind nur selten zu sehen, die Taucher "fliegen" meistens durch schwarzes Nichts.

Zum Thema Trimix meint Lionel anschließend: "Thanks PATD, thanks for my first 60m dive without narcosis".

Teil 2 sollte ein Vierteljahr später folgen:

Über den Jahreswechsel 2001/2002 waren wir wieder zusammen unterwegs.
Das Ziel war diesmal, die Grundlagen für die Vermessung über und unter Wasser zu legen. Um ersteres zu bewältigen wurden lasergestützte Theodoliten gebaut.
Zwei dieser Geräte wurde ca. 15m von einander entfernt im Ausfluss der Quelle aufgestellt. Die Vermessung geschah dadurch, dass man die beiden Laserpunkte auf der Felswand in Deckung brachte und in beiden Messstationen den horizontalen und den vertikalen Winkel des Lasers notierte. Daraus läßt sich mit ein wenig Trigonometrie ein räumliches Abbild der luftgefüllten Grotte erstellen.

Unter Wasser wurde zunächst klassisch verfahren. Eine Survey-Leine, welche nur gerade verlaufen darf, wurde mit nur 4 Fixpunkten von der Oberfläche bis in 75m Tiefe verlegt.
Durch das Messen der Längen der einzelnen Polygonzüge, deren Richtungen sowie die Tiefe der Fixpunkte lässt sich der räumliche Verlauf der Leine berechnen.
Auch wenn dieser Verlauf "3D" ist, so gibt er natürlich nicht die Höhle wieder, sondern eben nur den linearen Verlauf der dünnen Leine. Um nun Informationen über den Verlauf der Wände zu erhalten, muss der Abstand der Wände zur Survey-Leine gemessen werden. Hierzu wurde ein wasserdichtes Sonar auf eine Kunststoffplatte montiert,
ebenso ein Kompass und eine Kreuzwasserwaage.
Mit diesem Instrument plaziert sich der Taucher in einer zuvor festgelegten Tiefe,
bringt die Tafel mit den Wasserwaagen in die Horizontale, stellt auf dem Kompass die Messrichtung ein und feuert das Sonar.
Die so erhaltenen Distanzen können nun in der Karte in den gemessenen Richtungen
von der Leine aus eingetragen werden und man erhält eine "3D"-Karte für Unterwasser.
Diese Vermessungen sind noch im Laufen und sollen in den nächsten
Jahren weiter betrieben werden, auch in größeren Tiefen.

Beim Aufstieg von einem der Tauchgänge winkte uns Roland zur Seite und zeigte in eine Felsspalte. Im Strahl der Lampe irisierte es grünlich und beim näheren Hinsehen erkannten wir dutzende Münzen, welche im Spalt feststeckten.
Der Riss zieht sich der gesamten Wand entlang und ist mehr oder weniger gefüllt.
Die Münzen waren, wie wir von Roland erfuhren, römischer Herkunft, aus der Zeit 100v.C. bis 400n.C..
Wie üblich packte mich sofort das Jagdfieber und Ralf neben mir bekam so strahlende Augen, dass wir getrost unsere Lampen hätten ausschalten können und immer noch geblendet gewesen wären.
Beide haben wir versucht, ob sich die Münzen bewegen lassen,
doch waren diese, zum Teil mehrschichtig, knallhart in der Spalte verbacken.

Nach dem Tauchgang wurde darüber philosophiert, wie diese, inzwischen von der S.S.F.V. geborgenen, Gold- und Bronzemünzen wohl dorthin gekommen sein mögen.
Die wahrscheinlichste Variante ist, dass die Münzen als eine Art Glücksbringer in die Quelle geworfen wurden, so wie man dies heute noch bei einigen Brunnen tut.
Die Münzen sind den Felsen entlang in die Tiefe gerutscht, sind im Spalt hängen geblieben und haben sich dort angesammelt. Durch die Korrosion sind die Münzen dann angeschwollen und haben sich mit dem Fels verbacken. Solch ein Verhalten ist im oberen Bereich auch an Franc-Münzen aus neuerer Zeit zu beobachten, die fest in kleineren Ritzen stecken. Da die Münzen größtenteils aus der selben Epoche stammen, könnte es auch sein, dass sie alle auf einmal in die Quelle geworfen wurden, als eine Art Opfer,
das dann in dem Spalt landete oder von tonnenschwerem Geröll überdeckt wurde
.

Es sollten in den kommenden Jahren noch einige Forschungstauchgänge in der Fontaine de Vaucluse folgen. Die Zeitschrift GEO wurde auf die Arbeit der Taucher aufmerksam und begleitete das PATD-Team im Dezember 2003. Dieser Artikel wurde im Juni 2004 von der GEO veröffentlicht.

Demnächst hier auf patd.de

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